Im Kamerun kämpte er gegen das Regime, in Deutschland kämpft er gegen Diskriminierung. Der Asylbewerber Cho Lucas setzt auch zivilen Ungehorsam
On va commencer maintenant Ladies and Gentlemen thank you for coming, wir gehen jetzt los.“Cho Lucas begrüßt ein paar Dutzend Leute, die sich zur Demonstration gegen die Diskriminierung von Flüchtlingen in der Westfälischen Stadt Iserlohn eingefunden haben. Unter den demonstranten sind auch Kurden und Afrikaner. Cho Lucas hat sie motiviert, ihre Asylbewerberheime zu verlassen und sich auf die Straße zu wagen. Der kameruner ist ein unscheinbarer, eher Kleiner Mann. Aber wenn er spricht, wächst er über die anderen hinaus.
Was kein anderer Flüchtling öffentlich zu sagen wagt, äußert Cho Lucas sogar gegenüber deutschen Behörden. „Sie sollten human sein und tolerant, Sie sollten die Flüchtlinge beraten und den Verfolgten helfen!“, ermahnt er vor dem Ausländeramt in Iserlohn einen notorisch schikanösen Sachbearbeiter. „ Ab heute werden wir Ihre Tätigkeit genau beobachten!“ Die Demonstranten schwingen ihre Rasseln. Cho Lucas geht an der Spitze des ungewöhntlichen Zuges, hält den ungläubugen und Skeptschen Blicken der Passanten stand. Noch nie haben Flüchtlinge in Iserlohn demonstriet.
Das schlimmste am leben eines Flüchtlings, erzählt Cho Lucas, seien die Isolation und die ständigen Kontrollen. Und die tägliche Bedrohung durch eine mögliche Abschiebung. Er musste miterleben, wie ein Kurde aus verzweiflung aus dem zweiten Stock des Heimes sprang und sich so das leben nahm.
Cho Lucas „wohnt“ in einem schäbigen, dunklen, trostlosen Raum. In Fernsehen läuft CNN. „ Es könnte ja sein, das Kamerun plötzlich demokratisch wird“, sagt er, „und das darf ich nicht verpassen.“ Er ist erst 28 Jahre alt, aber in der Politik ist er schon ein alter kämpfer. Das regime hat ihn verfolgt, weil er sich für die Unabhängigkeit der englischesprächigen provinzen in Südkamerun einsetzte. Im unfeld der Parlamentswahlen in 1997 wurden viele seiner Mitstreiter getötet, verhaftet und lebenslänglich ins gefängnis geworfen. Da ging cho in den Untergrund und floh anderhalb Jahre später nach Deutchland.
Er hatte erwartet, das seine Anerkennung als politische Flüchtling eine bloße formalität sei. Aber nun wartet er schon seit drei Jahren auf einen positiven Bescheid. Er macht sich seinen eigenen Reim darauf: „Die Politik beeinflsst auch die justiz“, sagt er, „und die Leute, die dort arbeiten, haben Vorurteile gegen uns, vor Gericht und auch im Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge. Afrikaner gelten da grundsätlich als wirtschaftsflüchtlinge.“
Dort Cho Lucas will Diskriminierung nicht hinnehmen und Unrecht nicht akzeptieren. So fand er auch im fremden deutschland den Mut, die Missstände im Heim zu benennen und konnte auch andere Leidensgenossen überzeugen, sich zu wehren: gegen Lebensmittelgutscheine, gegen die Schikanen der Sozialämter, gegen die Isolation in weit abgelegenen Asylbewerberheimen. Er hat die anderen gelehrt, dass sie nicht nur Bittsteller sind, sondern Rechte haben. Das sei nicht einfach, sagt er, „weil die Flüchtlinge, die Landkreise, in denen sie gemeldet sind, nicht verlassen dürfen. Darum ist es sehr, sehr schwer, sie zu mobilisieren.“
In der Organisation VOICE fand Cho Lucas im vergangenen Jahr Mitstreiter für sein Anliegen. Die erste Selbstorganisation von Flüchtlingen in der Bundesrepublik fordert das Recht auf arbeit, das recht auf bildung und auf freie Wohnungswahl. Natürlich ist VOICE gegen Abschiebung und Abschiebegefängnisse. Doch die VOICE agitiert vor allem gegen die sigennante Residenzeflicht. „Eigentlich darf ich den Regierungsbezirk Arnsberg nicht ohne Erlaubnis der Auslanderbehorde verlassen“, erklärt Cho Lucas. „Ich kann überall und jederzeit von der Polizei kontrolliert werden. Wenn ich es also doch tue und verhaftet würde, müsste ich zwischen 300 und 5000 Mark Strafe zahlen.“
... Cho Lucas nimmt das bewußt in kauf und setzt sich regelmäßich über die Einschränkung seiner Bewergungsfreiheit hinweg. Wie die anderen von VOICE übt er zivilen Ungehorsam. Solange bis die „unsichtbare Berliner Mauer“ gefallen sei.“Das Gesetze hat der Polizei und dem Bundesgrenzschutz eine enorme Macht gegeben“. Sagt er, 2vor allem Afrikaner sind wegen ihrer Hautfarbe häufig Opfer dieser Kontrollen. Das ist nicht nur erniedrigend.Es ist eine politische Stigmatisierung und es verletzt unsere Grundrecht.“
Der Junge Mann aus Kamerun engagiert sich mit dem gleichen heiligen Ernst gegen Unrecht in der BRD wie gegen das Folterregime in seiner Heimat. Er reißt mit, weil sein Zorn keine Shw ist und seine Mut tief aus dem innern kommt. Das kostet viel kraft.
Manchmal sitzt der sonst so ratlose Mann still und ernst in einer Ecke. Dann sind seine Gedanken bei den Freunden, die in anderen Ländern der Welt im Exil leben müssen. Oder er denkt an zu Hause.das schlechte Gewissen gegenüber den kampfgefährten in Kameruner Gefangnissen, quält ihn sehr;es ist das schlechte Gewissen der Überlebenden gegenüber den Opfern...